Vor Video-Streaming, vor Handy und Smartphone, ja sogar vor dem Internet waren Hörspiele auf Kassetten das Entertainment-Programm meiner Kindheit. Sie haben mich inspiriert, geprägt und einen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen als jedes Bildungsprogramm. Was nicht ausschließlich gut ist...
Beitragsbild: Die Podcasts meiner Kindheit

Armin Laschet hat etwas geschafft, das weder Annalena Baerbock, noch Olaf Scholz, noch sonst irgendein:e Politiker:in vor der Bundestagswahl hinbekommen hat: Er hat mich zu einem Blogpost inspiriert.

Nun glaube ich weder, dass ihn das besonders stolz machen, noch dass ihn das überhaupt in irgendeiner Weise interessieren wird. Sogar ganz ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Aber Ehre wem Ehre gebührt. Und damit sind wir auch schon mittendrin im eigentlichen Thema. Ich bin nicht sicher, aber es ist sehr gut möglich, dass ich meine ersten Sprichwörter aus Hörspielen kenne.

„Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.“

und

„Jeder Hahn ist König auf seinem eigenen Misthaufen.“

sind Teil eines wundervollen Streitgesprächs im Hörspiel „Der Wetterfrosch“ aus der Reihe „Bibi Blocksberg“. Und ja, damit bin ich aufgewachsen.

Held:innen meiner Kindheit

Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen waren zwei der Held:innen meiner Kindheit. Wer die Geschichten kennt ahnt vermutlich jetzt schon, worauf das hinausläuft. Falls aber jemand diese beiden nicht kennt: Die Hörspiel-Reihen rund um den sprechenden Elefanten Benjamin Blümchen und die Hexe Bibi Blocksberg spielen in der fiktiven Stadt Neustadt, Nachbarstadt von Altstadt. Und auch wenn ich als Kind immer herausfinden wollte, wo sie eigentlich liegt, weiß ich das leider bis heute nicht. Laut der Geschichte „Benjamin Blümchen als Ritter“ kann es nicht allzu weit weg von Frankfurt sein. Aber auch davon gibt es ja zwei… Ich schweife ab. (Sachdienliche Hinweise bitte in die Kommentare oder an meine Social Media-Accounts!)

Neben den genannten Hauptfiguren gibt es einen Freund (Otto), eine Freundin (Tina), freundliches Zoopersonal, einen fliegenden Besen namens Kartoffelbrei, einen Reithof und jede Menge Chaos und Hexerei. Soweit so gut. Aber was hat das mit Armin Laschet zu tun? Ganz einfach! In der Aufzählung fehlen nämlich zwei weitere Personen, ohne die diese Geschichten einfach nicht dasselbe wären. Auftritt Karla Kolumna, rasende Reporterin des Neustädter Abendblattes und der Grund meiner Kenntnis der Bedeutung des Wortes „Quasselstrippe“. Deren Lieblingsfeind und Gesprächspartner in der oben beschriebenen Auseinandersetzung ist der Bürgermeister. Oder, wie er jetzt insistieren würde, der Herr Bürgermeister.*

Die Begründung meiner Fantasie

Die Geschichten von Benjamin und Bibi haben mich so sehr geprägt, dass ich mich an viele Ereignisse und eben sogar Zitate noch aus meiner Kindheit erinnere. Und eben auch an einige Stereotypen. Die rasende Reporterin hat mein Bild von Journalismus womöglich stärker und nachhaltiger beeinflusst als ein mehrjähriges Studium, die Arbeit in einem Verlag oder die BILD. Auch meine Einstellung zu Zoos stand sehr lange unter dem Einfluss der Arbeit von Zoodirektor Tierlieb und Wärter Karl. (Mehr Personal braucht ein Zoo eigentlich nicht, oder?) Außerdem fand ich Elefanten schon immer besonders faszinierend (obwohl mir noch nie ein sprechender begegnet ist).

Das typische Bild eines überforderten und gleichzeitig von sich selbst eingenommenen Dorfpolitikers („Meine lieben Untertanen… äh… meine lieben Mitbürger und Mitbürgerinnen,…“), der eigentlich nur Bürgermeister ist, weil es keinen anderen gibt, entstand auch bereits in meiner Kindheit. Ob und wenn ja welche Parallelen zu real existierenden Personen auszumachen sind, überlasse ich nun aber euer aller Fantasie. Hier nur noch ein paar Bilder, die vielleicht dabei helfen.

Bürgermeister von Neustadt (Hörspiele Benjamin Blümchen/ Bibi Blocksberg)

Bildquellen: benjaminbluemchen.de / tagesspiegel.de (s. u.)

Was Kinder-Hörspiele für das Leben bedeuten

Aber in diesem Beitrag geht es nicht um einzelne real existierende Personen. Es ist überhaupt nicht überraschend, dass unsere Kindheit uns prägt und die ersten sozialisierenden Erfahrungen die nachhaltigsten sind. (Falls dieses Thema genauer interessiert: Es gibt eine Menge darüber herauszufinden. Ich bin auf diesem Feld wahrlich kein Experte, es gibt aber genug.) Trotzdem fand ich die Erkenntnis bemerkenswert, auf wie viele Bereiche meines Lebens diese Geschichten Einfluss hatten und immer noch haben. Natürlich im Positiven wie im Negativen.

Ich habe vorhin bereits Stereotypen angesprochen: Benjamin hat einen besten Freund, Otto. Und kommt es nur mir so vor, oder sind auch die handelnden Figuren in den Geschichten (fast) alle männlich? Bibi dagegen hat mehrere Freundinnen und die Hörspiele handeln hauptsächlich von weiblichen Personen, oder erinnere ich mich da falsch? Selbst wenn das stimmt: Die Geschichten entstanneb einer anderen Generation. Schon die neueren Hörspiele der Reihen offenbaren deutliche Veränderungen, auch in dieser Hinsicht. Und ich will sowieso nicht sagen, die Geschichten seien schädlich. Im Gegenteil, sie haben mich viel gelehrt und mein Interesse geweckt: Über Berufe, Tiere, Sozialverhalten, Freundschaft, gesellschaftliche Themen, sogar über das Wetter. Und ja, auch über Politik.

Hörspiele: Die Podcasts meiner Kindheit

Natürlich habe ich auch andere Hörspiele gehört: Ich erinnere mich an die kleine Hexe, das kleine Gespenst und den Räuber Hotzenplotz von Ottfried Preußler. Außerdem gibt es die Geschichten von Disney selbstverständlich auch als Hörspiele. (Ich erinnere mich insbesondere an Pinocchio, was einer der wenigen Disney-Zeichentrickfilme ist, die ich nie spannend fand.) Später, das war dann schon eher Jugend als Kindheit, entdeckte ich dann die ??? für mich. Die höre ich zuweilen auch heute noch, zum Beispiel zum Einschlafen. Und stolpere auch hier über ganz und gar nicht mehr zeitgemäße Inhalte, zucke aber meistens nur mit den Schultern und akzeptiere es, wie es ist. Alle diese Hörspiele haben mir etwas mit auf den Weg gegeben, aber keine haben mich auf die Weise geprägt wie Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg. Die dazugehörigen Filme habe ich übrigens nie geschaut und versucht, auch die Serien zu vermeiden. Weil sie eben genau diese (vorgefertigten) Bilder in meinem Kopf v̶e̶r̶ä̶n̶d̶e̶r̶t̶e̶n̶ zerstörten. Ich wollte an ihnen festhalten.

Bevor da Zweifel aufkommen: Ich habe als Kind sehr viel vorgelesen bekommen und auch später selber gelesen. Das waren dann allerdings andere Geschichten. Das Lesen habe ich bis heute beibehalten, Hörspiele höre ich allerdings nur noch selten. Und das, obwohl ich mich so viel mit Medien beschäftige, vieles ansehe und auch anhöre. Aber in der Zeit der Podcasts, Hörbücher und – vor allem – Bewegtbild-Unterhaltung, wandern Hörspiele eben doch mit zunehmendem Alter immer mehr in die Bereiche der Nostalgie. Aber ein schönes Gefühl ist es trotzdem immer wieder, mich daran zu erinnern. Auch wenn die Auslöser dafür manchmal seltsam erscheinen. Eigentlich eine perfekte Stimmungslage vor dem Einschlafen. Ich glaube, in den nächsten Tagen reise ich aus Rocky Beach mal wieder ins beschauliche Neustadt. Geht ganz schnell: Hex hex! Und Töröööö!

* Erstaunlicherweise heißt er nicht wirklich so. Im Laufe der Geschichten hat der Bürgermeister viele Namen, ist aber irgendwie doch immer derselbe.*** Also wie in jeder ordentlichen deutschen Kleinstadt. Aber ich schweife schon wieder ab.

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Beitragsbild: Dmitry Demidov, Pexels / Manuel Fuß

Fotos: benjaminbluemchen.de / tagesspiegel.de

** Quelle: Benjamin Blümchen als Briefträger
*** Quelle: Benjamin Blümchen auf dem Baum, Benjamin Blümchen hat Geburtstag, Bibi Blocksberg: Die Wahrsagerin