Ist der Tag schon wieder vorbei? Eigentlich will ich noch gar nicht schlafen. Hatte ich genug vom Tag? Was ist überhaupt genug? Und wann?
Beitragsbild: Wann ist eigentlich genug?

Wann hat man eigentlich genug getan?

Kennst du das auch? Das verschwundene Tageslicht, das untrügliche Müdigkeitsgefühl eures Körpers und auch der Blick auf die Uhr vermitteln mir unmissverständlich, dass es langsam Zeit wird, zu schlafen. Und dennoch ist da etwas in mir, dem das zutiefst widerstrebt. Dieses Gefühl, irgendwie noch nicht genug gemacht zu haben. An diesem Tag. Aus diesem Tag.

Was ist genug?

Ich habe zwei Jobs (weil ich das will, nicht weil ich das muss) und dazwischen eine ausgedehnte Mittagspause gemacht. Etwas auf Netflix geschaut, habe den Abwasch gemacht, gekocht, etwas gelesen, meine privaten Mails gecheckt und sogar Zeit gefunden, ein paar angestaubte Ordner auf meinem Computer zu löschen, verschieben und sortieren. Alles schön und gut, aber nichts davon verändert die Welt.

Aber muss ich denn überhaupt die Welt verändern? Ich allein? Jeden Tag? Kann ich nicht einfach jeden Tag ein bisschen dazu beitragen, die Welt ein kleines bisschen zu verändern? Was heißt das überhaupt, „Die Welt verändern“? Wer entscheidet denn, ob etwas, das ich mache, die Welt verändert? Und wessen Welt? Die ganze Welt? Nur meine? Und ist das nicht dasselbe? Allein diese Fragen zeigen, was manchmal in meinem Kopf vorgeht, obwohl ich gerade eigentlich müde bin und wohl schlafen sollte. Dabei ist damit die wirklich entscheidende Frage noch gar nicht gestellt: Wann ist es genug?

Den ärgsten Kritiker überzeugen

Ich erwische mich immer wieder dabei, mich selbst daran erinnern zu müssen, dass meine Arbeit zu erledigen durchaus auch eine zählbare Leistung für einen Werktag ist. Das reicht doch auch durchaus mal aus, oder? Überhaupt: Warum braucht es eigentlich eine „zählbare Leistung“ für einen Tag. Warum müssen wir etwas „leisten“, etwas „schaffen“, damit ein Tag erfolgreich ist? Ist es erst genug, wenn wir ein bestimmtes Pensum erfüllt haben? Das würde ja im Umkehrschluss bedeuten, dass es nicht genug ist, einfach gelebt zu haben.

Wir leben in einer absoluten Leistungs- und Ellbogengesellschaft. Mehr noch, es geht nicht nur darum „etwas“ zu leisten, sondern auch, „das Richtige“. In irgendeine Schublade muss man eben immer passen, sonst wird es schwierig. Das prägt. Die Gesellschaft, uns alle, mich. Wieso denken wir so oft, nur dann ein legitimer Teil der Gesellschaft zu sein, wenn wir auch „genug“ für sie leisten? Für mich hat das auch indirekte Folgen. Denn ich will eben nicht nur einfach genug „geleistet“ haben. Entscheidend ist für mich am Ende des Tages, ob ich selbst zufrieden, ob ich einverstanden bin. Mir ist völlig egal, ob das übertrieben klingt: Ich muss mit mir und mit dem Tag zufrieden sein, damit ich gut (ein-)schlafen kann.

Ist auch mal genug jetzt!

Das Geheimnis des Erfolgs ist dabei für mich eben nicht, wie ich viele Jahre meines Lebens glaubte, immer mehr zu tun, mehr zu schaffen. Ich muss nicht mehr Dinge tun, von denen ich glaube, dass andere sie von mir erwarten und die ich zu nicht unwesentlichen Teilen genau deshalb auch von mir selbst erwarte, um zufrieden zu sein. Die Lösung ist so banal wie schwierig: Es reicht völlig, einfach zufrieden zu sein.

Wie oben schon erwähnt, muss ich mir oft ins Gedächtnis rufen, dass das, was ich am Tag so gemacht habe, ja wirklich schon eine Leistung ist, mit der ich zufrieden sein kann. Aber wäre es nicht manchmal auch viel besser, einfach „Scheiß drauf!“ zu sagen? „Der Tag war, wie er war. Es gibt Gründe dafür. Du hast Dinge richtig gemacht und hättest Dinge besser machen können. Aber das wichtigste ist doch: Du hast gelebt.“ Klar, das ist leichter gesagt als gedacht und noch viel schwieriger wirklich gemeint. In meinem Fall führt es sogar eher dazu, dass ich eben das Gefühl habe, zusätzlich zu meiner Tagesleistung auch noch etwas „Leben“ vom Tag haben zu wollen.

Ich bin genug

Wenn man einmal zu dieser grundsätzlichen Überzeugung gelangt ist, kann es zunehmend einfacher werden, auch nach ihr zu handeln. Egal, wie hohl diese Phrase klingt: Man muss immer zuerst sich selbst überzeugen, bevor man andere überzeugen kann. Und so versuche ich, mir über mich selbst bewusst zu werden. Im Hier und Jetzt. Und plötzlich hören sich die Gedanken ganz anders an: Hatte ich wirklich so wenig vom Tag? Gab es nicht doch ganz viele oder ganz entscheidende Momente, die ich ganz bewusst wahrnehmen, erleben konnte?

Gar nicht so selten kann ich diese Fragen gar nicht konkret beantworten. Und trotzdem (oder vielleicht genau deshalb) weiß ich dann ganz genau, was ich jetzt gerade brauche, um zufrieden zu sein. Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich heute eigentlich alles geleistet habe. Woraus mein Tag eigentlich genau bestand. Und es wäre schon zu viel gesagt, dass es mir egal ist. Weil es mich gar nicht beschäftigt. Ich bin nur noch im Hier und Jetzt. Das ist genug. Und manchmal habe ich im Hier und Jetzt einfach noch nicht genug von diesem Tag und möchte ihm noch etwas mehr geben. Ihn noch ein bisschen länger genießen, leben, erleben. So wie gestern. Und heute bin ich eben müde.

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Beitragsbild: fancycrave1/pixabay.de / Manuel Fuß