Anders reden

Über zehn Jahre lang war ich flourish103. Hier im Blog, auf Instagram, Twitch und selbst in Messenger-Apps – eigentlich überall online, inklusive eigener Domain. Nicht mehr. Und hier steht, warum.

Von einem schönen Wort zu (m)einer Identität

Es fing damit an, das ich ein Wort schön fand: *flourish*. Vielschichtig, mit mehreren Bedeutungen – aufblühen, gedeihen, aber auch eine große, ausladende Geste. Ich brauchte einen neuen Profilnamen in einer App, hab gar nicht lange überlegt – kann ich ja immer noch schnell wieder ändern. Dass das ein schönes Wort ist, hatten auch andere schon gemerkt, der Name war schon vergeben, also hab ich super kreativ die 103 drangehängt – mein Geburtsdatum (ja, genau, Januar 2003). Wie das halt so geht, mal eben spontan. Und dann auch noch auf anderen Profilen und in anderen Apps. Soll ja einheitlich sein.

Mehr als zehn Jahre lang hat das gepasst.

Was sich geändert hat

Das Offensichtliche zuerst: Eine Zahl im Namen ist echt nicht ideal, wenn sich den jemand merken soll (wenn es nicht gerade eine Trikotnummer oder die Länge deiner Nägel ist). Jedenfalls merkt sich niemand „eins null drei“ zuverlässig, um mich weiterzuempfehlen. Und mich nennt ja auch niemand so, sondern „flourish“ (in Ausnahmefällen und mit meiner Erlaubnis – nur mit meiner Erlaubnis – sogar Koseformen davon, yes, looking at you!) oder eben Anders. Das war mir lange egal – ist es inzwischen nicht mehr.

Ok, aber warum dann nicht „flourish_tv“, „flourish.live“ oder nur „flourish“ (auf der ursprünglichen App ist der Name inzwischen frei geworden). Jetzt wird es so vielschichtig wie das Wort selbst: Das Wort flourish ist nicht unbedingt häufig. Schon gar nicht im deutschsprachigen Raum. Trotzdem passiert es immer wieder, das Menschen sagen „Oh, das kenne ich irgendwoher/habe ich schon mal gelesen“. Ja, hast du, und zwar wahrscheinlich in der Buchhandlung „Flourish and Blotts“. Da, wo ich es auch zum ersten Mal gelesen habe.

Und da ist mein Problem: Das Wort steht, ob das allen bewusst ist oder nicht, mindestens mal für mich persönlich in Verbindung zu J. K. Rowling. Die erfolgreiche und ehemals beliebte Buchautorin hat sich in den letzten Jahren wiederholt und öffentlich auf eine Weise als bekennend menschenverachtend geoutet, mit der ich wirklich überhaupt nichts zu tun haben möchte. Ich engagiere mich aktiv für Inklusion und Diversität, beruflich, in mehreren LGBTQIA+-Initiativen, sammle Spenden in Projekten wie dem Atwitchkalender, für Queermentor und Queermed und möchte eine Stimme sein für gesellschaftlich relevante Themen, die eine klare, unmissverständliche Botschaft sendet: Menschenrechte gelten für alle. Ein Name, der sich – und sei es nur sprachlich, nur über den Umweg eines Wortes – auf jemanden zurückführen lässt, dessen Positionen genau dem widersprechen, wofür ich stehen will: Das passt nicht mehr zusammen. Und je klarer mir in den letzten Jahren wurde, wofür ich stehen und immer lauter einstehen will, desto klarer wurde mir auch, dass der Name gehen muss.

Lass mal drüber reden

Wait – „in den letzten Jahren“? Richtig gelesen. Nur, weil klar ist, dass der alte Name nicht mehr passt, ist ja nicht automatisch ein neuer da. (Das mit dem Schnellschuss, der über zehn Jahre hält, funktioniert halt nicht immer und ist ja auch im Nachhinein jetzt echt nicht so gut gealtert.) Der neue Name ist kein Zufallsprodukt, kein freies Wort, das ich schön fand. Ich bin älter geworden, erfahrener, bedachter. Ich bin Anders geworden. Er beschreibt, was ich tue.

Wer mich kennt, weiß: Ich rede viel, und ich rede anders (ja, ok, ich rede mehr) als Menschen erwarten (mich eingeschlossen). Wenn ich auf Twitch zehn Minuten einer Serie anschaue, werden das ohne jede Anstrengung vier Stunden Gespräch. Auch in Games spiele ich nicht einfach oder rede über Games – es ergeben sich eigentlich immer Themen, die mich und die Community beschäftigen. Dinge, die uns, die mir wichtig sind, auch wenn sie unbequem sind. Und ich merke, dass sich das über den Bildschirm hinaus ausgeweitet hat: Ich spreche zunehmend auch offline über gesellschaftlich relevante Themen, ob in Workshops, als Speaker, Mentor oder einfach im breiteren privaten Umfeld.

Anders ist mein Name. Reden ist, was ich mache – und das auch oft anders, als andere es tun. Das Wortspiel muss ich jetzt echt nicht erklären.

Was sich ändert

Ab sofort gibt es mich online unter andersreden. Das heißt nicht gleich, dass sich auch alles andere ändert. Es wird im Laufe der Zeit Formate und Content geben, die dem gerecht werden. Neue Kanäle, alte Ideen, die endlich umgesetzt werden, aufregende Experimente, auf die ich sehr neugierig bin. Und eine klarere Trennung, was es wo gibt. Der Vibe bleibt gleich, ich bleibe Anders. Der Name drumherum wird ehrlicher.

Und weil wir gerade dabei sind: Dieser Blog war lange still. Dafür gab es viele Gründe, von denen ich über manche sicher ein bisschen was erzählen werde, über andere vielleicht weniger. Wichtig ist erstmal: Es ist vorbei mit der Ruhe. Auch wenn sich der Name ändert, ist es doch ein bisschen wie nach Hause kommen. Schön, dass ich da bin.

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