Nachdem ich Band 1 der „Myzelchroniken“ gelesen (und rezensiert) hatte, konnte ich den Erscheinungstermin von Band 2 kaum abwarten. Jetzt ist er endlich da, Gipfelbasilisk war erneut so lieb, mir die Sonderauflage zu senden und ich habe „Portalzauber“ wirklich an allen möglichen (und unmöglichen) Orten gelesen. Der Autor hatte einen zweiten Teil angekündigt, der „im Ton deutlich düsterer“ würde und Wort gehalten – auf die bestmögliche Art.
Ich habe von der ersten Seite an genossen, wieder in die magischen Welten einzutauchen, mich über neue Entdeckungen, Weiterentwicklungen und ja, sogar Veränderungen und Verluste gefreut, weil mich alles davon ein Stückchen mehr in diese magische Geschichte gezogen hat. Ich lese Worte wie „regenbogenfarbenfunkelnd“ und müsste eigentlich gar nicht mehr darüber sagen, wie dieses Buch ist. Habe ich aber doch mal gemacht
Optik
Dass ich die Optik der Myzelchroniken liebe, habe ich schon in der Rezension für Band 1 deutlich zum Ausdruck gebracht. Band 2 setzt da sogar nochmal einen drauf: Das Braungold des Covers ist viel mehr meine Farbe als das Lila von Band 1 und die Wesen und Welten scheinen nochmal aufwändiger und liebevoller illustriert zu sein. Dass hier etwas fortgesetzt wird, das sich beim ersten Band so richtig eingespielt hat, zeigt sich auch optisch ganz deutlich. Beeindruckend, was entstehen kann, wenn sich talentierte kreative Geister gegenseitig beflügeln.
Worldbuilding
Als Fortsetzung hat es “Portalzauber” vermeintlich leicht, was das Worldbuilding angeht, ruht sich aber eben nicht auf den bekannten Welten des ersten Bandes aus, sondern schafft gleich mal mehrere neue Welten, die noch fantasievoller, noch weitreichender, noch atemberaubender sind. Diese Welten aus der Sicht der in ihnen lebenden Figuren entdecken, die teilweise in ihnen aufgewachsen sind und sie teilweise auch zum ersten Mal sehen, ist ein gelungener Schachzug, der gleichermaßen das Gefühl gibt, neue, aufregende Entdeckungen zu machen wie Zuhause zu sein.
Charakterbuilding
Nachdem im ersten Band Wesen als (Haupt-)Figuren vorgestellt wurden, die es (so) in der Fantasy-Literatur noch nicht gab, kommen im zweiten Teil weitere hinzu. Charaktere und ihre Gefühlswelten aus dem ersten Teil werden deutlich detailreicher und tiefgründiger dargestellt, gleichzeitig gelingt auch die Vorstellung neuer, wichtiger Figuren auf dem gleichen Niveau. Insgesamt ist “Potalzauber” deutlich weniger spielerisch als sein Vorgänger, ohne dabei an Leichtigkeit und Magie zu verlieren. Erneut erleben wir typische Merkmale der Völker, aber auch einzelner Figuren, aus deren Sicht und entdecken die Reaktionen darauf aus der Perspektive ihrer Gegenüber. Der Wechsel dieser Perspektiven gelingt aus meiner Sicht noch eleganter und reibungsloser als im ersten Band – vielleicht auch, weil mir das Prinzip vertraut ist. Was ebenfalls bleibt, sind Details, die uns aus unserer Welt bekannt vorkommen und für die Welten der Myzelchroniken abgewandelt wurden (“nicht die Kappen in den Boden stecken”). Alles in allem, werden nicht nur (neue) Charaktere gebildet, sondern die unserer Vertrauten deutlich weiterentwickelt. Das hebe ich deshalb so hervor, weil viele Fantasy-Fortsetzungen sich mehr auf das Storybuilding konzentrieren und hier die Balance wundervoll gelingt. So wird die Bindung zu unseren Gefährten (denn genau so fühlt sich das an), deutlich stärker – und auch die Emotionen, die wir beim Lesen (mit)erleben.
Storybuilding
Die Myzelchroniken werden im Laufe der Geschichte tiefgründiger, ernster und ja, auch gefährlicher und gewaltvoller. Nachdem wir uns märchenhaft in die Welten des Myzels begeben haben, erleben wir nun ihre Tragweite, Abhängigkeit voneinander und auch viele ihrer dunklen Seiten. Es passt dazu, dass die gesamte Story sich zu einem epischen Finale zuspitzt, nur um uns ganz zum Schluss mit der Gewissheit zurückzulassen, dass sie nicht zuende erzählt ist.
Fazit
„Portalzauber“ ist mehr als nur die Fortsetzung einer wunderbaren Geschichte, die mich sofort gefangen genommen hat, es ist eine Weiterentwicklung. Und das auf allen Ebenen, die ein Buch so hat. Die Geschichte, Charaktere, Welten und ja, auch die Sprache und der Stil. Mit der bildlichen, ja, freundlichen Art, seine Geschichte zu erzählen, was sogar die Dialoge einschließt, nimmt Gipfelbasilisk mich an die Hand und führt durch seine Welt. Schon im ersten Teil lerne ich unglaublich viel und erkenne zugleich, dass das eben wirklich erst der Anfang dessen ist, was diese Trilogie noch bereithält.

Meine Lieblings-Inhalte gibt es unter dem Bild (ACHTUNG, SPOILER-ALARM!)

ACHTUNG, SPOILER AB HIER (klicken zum Anzeigen)
Lieblings-
Zitate:
„Habt ihr ein Problem mit Themen, die die LGBTQIA+ Community betreffen, würde es mich freuen, wenn ihr das Buch dennoch lest, vielleicht kann ich euch neue Einblicke und andere Eindrücke vermitteln.”
„Das Sein war ein Er… War er Er? Und wenn ja, wer war er dann?”
„Es werden genug sein, wir waren immer genug!“
Orte:
Jinnathon,
die fantastische Welt, weil hier alles so selbstverständlich anders ist, mit einer Magie, die alles und alle erfüllt – auch mich
Zomis (früher Yoanoh),
weil es der Startpunkt der Reise war und nun so ganz anders (und ich das Detail liebe, dass auf den Dorfnamen mit Y einer mit Z folgt)
Svavespoba,
der Kokon, der Schutzraum und die Heimat der Teufel
Ingrem,
weil sie eine Bastion der Untypischkeiten ist und so viel angenehm Unerwartetes bereithält
Amüsierbetrieb,
weil er ein Ort in Ingrem ist, den ich nicht erwartet hätte, der Welt viel abwechslungsreicher und vielfältiger macht und in kurzer Zeit auf kleinem Raum so viel über sie verrät
Ereignisse:
Der Fall
Zomis’ Rückkehr in einen Körper
Die Segnungen
Salrius’ Wandlung
Charaktere:
Eschton,
Betreiber des Amüsierbetriebs, der die typische Ambivalenz der Tierwesen Zyamels perfekt in sich vereint, auf den ersten Blick zwielichtig und auf jeden weiteren tiefgründig und liebenswert wirkt
Die Göttin,
sowohl Leben- und Hoffnungsgebende als auch Anthagonistin, so typisch und untypisch für Gottheiten, wie wir sie kennen
Dalgreth,
mehr als nur der heimliche Held der Geschichte, hin- und hergerissen zwischen allem, was ihm lieb und heilig ist, zwischen Liebe, Hoffnung, Trauer und Schmerz
Rabe,
das vielleicht fantastischste aller Wesen der Myzelchroniken, lebendig gewordene Magie und Liebe
Zomis der Zweite,
der Unsterbliche
Salrius,
der Ausgestoßene, der (unfreiwillig und unbewusst) zum Anführer wird, durch Mut, Neugier, Aufgeschlossenheit und die Verbindung zu und Unterstützung durch alle und alles, das und die er liebt, mehr als nur seine eigene Welt rettet
Besonderheiten:
wie schon in Band 1:
Die typischen Mahlzeiten – davon hätte ich gern ein Kochbuch! (DANKE für das Karg’lagsch-Rezept in der Blogger-Box!)
Die Content-Notes, die eine Vorwarnung auf alle Themen geben, die schwierig werden könnten, ohne unnötig zu spoilern – solllte jedes Buch so haben
Werbung / kostenloses Rezensionsexemplar