Ich durfte – endlich – ein Rezensionsexemplar von „Strahlende Stadt“ von Andreas Röger lesen. Ich war schon lange neugierig auf die Story und die Welt und ich wurde nicht enttäuscht. Aber lies doch selbst (die Rezension und gerne auch das Buch)!
Story
Im Zentrum der Handlung steht ein Kriminalfall. Für mich persönlich ist dieser bzw. dessen Auflösung allerdings weniger überraschend, als für nachhaltige Spannung gut wäre. Schon relativ früh habe ich eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte und welche Motive eine Rolle spielen.
Das schmälert meinen Lesespaß jedoch kaum, weil ich schnell merke, dass der Kriminalfall vor allem als Einstieg in diese Welt dient. Der Fokus liegt stärker auf der Dystopie und auf einer größeren Rahmenhandlung, deren Ausmaß im ersten von drei geplanten Bänden nur angedeutet wird.
Der Erzählstil trägt viel dazu bei, dass ich gerne weiterlese. Kleine Details – etwa das Erstaunen über Gegenstände, die für uns selbstverständlich sind, oder Sprichwörter, die fremd und doch vertraut wirken – machen die Welt lebendig. Auch nach (aus Gründen bewusst sehr kurzen) Lesepausen fällt es mir leicht, wieder einzutauchen.
Ein besonders spannender Kniff ist, dass die strahlende Stadt selbst nur selten Schauplatz der Handlung ist. Die meisten Informationen darüber stammen aus Erzählungen und Hörensagen. Nur wenige Szenen spielen tatsächlich dort – gerade genug, um ein Bild entstehen zu lassen. Ein tolles Stilmittel, das hervorragend funktioniert und die Stadt umso faszinierender macht.
Worldbuilding
Ich tauche erstaunlich leicht in die Welt ein – immerhin Dystopie, also vorprogrammiert gewöhnungsbedürftig. Das freut mich besonders, weil ich eine ganze Weile auf das Buch gewartet habe, neugierig war, wie Andreas Röger schreibt und wie sich sein Stil für mich anfühlt. Nach Cover und Klappentext hatte ich mehr Science-Fiction erwartet, freue mich aber über die dystopische Welt – zu dem Genre habe ich eine besondere Beziehung, spätestens seit Hohlbeins „Anders“.
Die strahlende Stadt schafft es, klein zu bleiben und sich groß anfühlen zu lassen. In Sachen Worldbuilding und Gefühl, dass ich beim Eintauchen in die Welt habe, kann die Story mit großen Klassikern wie „Hunger Games“, „Maze Runner“, „Mad Max“ oder auch „Dune“ mithalten, ohne deren Weltgewalt und das riesige Drumherum zu benötigen.
Die Handlung scheint auf den britischen Inseln zu spielen, die namensgebende Stadt könnte heute wohl „London“ heißen. Die Namen der Figuren sind weder alle typisch deutsch noch typisch englisch, überhaupt wirkt vieles offensichtlich international. Anfangs stolpere ich kurz darüber und gewöhne mich dann schnell daran. Nicht völlig gewöhnlich, aber auch nicht so fremd, dass ich lange über die Aussprache rätseln müsste. In anderen Regionen, etwa dem heutigen Schottland, sind die Namen entsprechend. Das passt gut zur Grundidee, wie die Welt aufgebaut ist.
Charakterbuilding
Die Figuren werden manchmal durch ihre eigenen Gedanken, manchmal aus der Sicht anderer Figuren charakterisiert. Eine ausbalancierte Mischung, durch die ich manche Figuren schnell nahbar finde, während immer ein Rest Geheimnis bleibt. Die Perspektivwechsel funktionieren erstaunlich gut. Sie werden nicht durch Kapitelüberschriften angekündigt, sondern ergeben sich einfach aus neuen Absätzen. Trotzdem ist schnell klar, aus wessen Sicht gerade erzählt wird, weil sich Denkweise und Gefühlswelt der Figuren deutlich unterscheiden.
Ich mag besonders die Einbindung einer offenbar nicht-binären Hauptfigur. Der Ausdruck fällt gar nicht, es wird fast beiläufig eingebaut – etwa durch Begriffe wie „Kollegschaft“ – doch auch in dieser Zukunftsvision sind nicht alle Herausforderungen und Vorurteile verschwunden. Andere Personen treffen (falsche) Annahmen, ohne nachzufragen, es wird aufgeklärt, aber nicht problematisiert. Das wirkt auf mich sehr glaubwürdig (wenn auch utopisch konfliktfrei). Auch die Art der Formulierungen durch (geschlechts-)neutrale Bezeichnungen oder Passivsatz-Umschreibungen ohne die Verwendung von Pronomen klappt super und stört den Lesefluss nicht. Fraglich, ob das überhaupt allen auffällt. Winzige Schwäche: An einer einzigen Stelle taucht ein (falsches) Pronomen auf.
Optik
Ob ich das Buch nur anhand des Covers ausgewählt hätte? Weiß ich nicht. Für meinen persönlichen Geschmack ist nicht schlecht, wenn auch nicht so anziehend wie insbesondere bei vielen Fantasy-Werken. Allerdings ist es auch ein anderes Genre. Es erinnert mich an manche Krimis oder Thriller, die ich gelesen habe, bleibt angenehm geheimnisvoll und überlässt so viel wie möglich der eigenen Fantasie, gibt aber gleichzeitig einen gewissen Grundeindruck. Insgesamt passt das gut zur Story.
Fazit
Ein kurzweiliger Einstieg in eine Welt, die neugierig macht. Viele Dinge bleiben offen, werden aber so angedeutet, dass ich mich gut orientieren kann. Gleichzeitig spüre ich immer wieder, dass hinter der Geschichte noch sehr viel mehr steckt.
Ein paar kleine Fehler auf über 300 Seiten trüben meinen Gesamteindruck nicht entscheidend.
Am Ende bleibt vor allem Vorfreude. Eine überraschende Wendung am Ende, macht deutlich macht, dass die eigentliche Geschichte gerade erst beginnt. Das verstärkt mein Gefühl, dass ich schon beim Lesen immer habe, wenn ich das Buch weglegen muss: In die Welt rund um die strahlende Stadt möchte ich unbedingt zurückkehren.

Meine Lieblings-Inhalte gibt es unter dem Bild (ACHTUNG, SPOILER-ALARM!)

ACHTUNG, SPOILER AB HIER (klicken zum Anzeigen)
Lieblings-
Charaktere:
Noel Yukiawa,
ranghöher und zugleich lernwillig, voreingenommen und zugleich aufgeschlossen, mit einer vielschichtigen Persönlichkeit, die mehrere Wandlungen durchläuft
Valerie,
Pionierin, Heldin und Freiheitskämpferin, die für die Wahrheit alles opfert
Zitate:
„Wir werden die Welt nicht von heute auf morgen verändern, auch wenn es so wirkt, als müssten wir das.“
„…sie wusste, wie die Ratte tanzte.“
„Das ist wie die Suche nach einer Scherbe am Glasturm.“
Orte:
Celtic Park
Das „Museum“ auf Barra Island
Die Gransking
Ereignisse:
Das Verhör
Die erste Begegnung mit Katharina Tarchtel
Besonderheiten:
Personenregister (leider nicht mit allen namentlich erwähnten handelnden Personen) inkl. Lautsprache hinter einigen Namen (leider nicht für alle aufgelisteten Personen)
Alltägliche, menschliche Bedürfnisse werden (beiläufig) erwähnt. („Dann werde ich mich eben um die körperliche Erleichterung kümmern.“) Etwas, das mir insbesondere in futuristischen Büchern oft fehlt.
Werbung / kostenloses Rezensionsexemplar