Als ich vor einigen Monaten zum ersten Mal Linda M. Shey und ihr Werk „Von Narren und Nachtfaltern“ auf Instagram entdeckte, hatte ich keine Ahnung, was für eine Reise beginnen würde, an deren Anfang ich auch jetzt irgendwie immer noch stehe. Nicht nur erlaubte mir Linda, eine erste Fassung in meinen Streams vorzulesen, sondern sie eröffnete mir eine Welt, die ich nicht erwartet hatte. Ja, die ersten Beschreibungen der Story waren vielversprechend, aber ich hätte ehrlicherweise niemals damit gerechnet, was für ein Juwel dieses Buch ist.
Einige Monate und die Veröffentlichung beim Verlag 8280-edition später halte ich die Geschenkausgabe der Erstausgabe des Erstlingswerks von Linda in den Händen und kann in den vollständigen ersten Band der Hiraeth-Chroniken eintauchen. Eine (viel zu kurze) Weile später habe ich das Buch durchgelesen und möchte meine Eindrücke mit euch teilen.
Und das sind viele.
Charakter- und Storybuilding
Das habe ich selten erlebt, wenn überhaupt schon mal: Ich bin sofort in der Geschichte drin. Es ist kein erklärender Einstieg nötig, alles ist sofort logisch und verständlich. Der Beginn der Hiraeth-Chroniken kombiniert Elemente klassischer Mittelalter-Fantasy mit modernen Aspekten mit einer absoluten Selbstverständlichkeit, die ich so selten gelesen habe.
Trotz des raschen Einstiegs lernen wir die Charaktere nach und nach kennen: Die Protagonistin Alizar über ihre eigenen Gedanken, Erkenntnisse, Taten und Assoziationen, alle anderen viel über das, was Alizar über sie denkt und erkennt, sowie das, was sie wiederum tun. Mit einer Ausnahme, als bei einem klaren Stilbruch die Ereignisse plötzlich aus der Sicht einer weiteren Person geschildert werden, was ebenso passend wie erfrischend ist.
Alle Ereignisse in „Von Narren und Nachtfaltern“ geschehen zunächst beiläufig und selbstverständlich. Es geschieht einerseits sehr schnell sehr viel und ich habe andererseits das Gefühl, behutsam an die Hand genommen und durch Hiraeth geführt zu werden. Auffällig sind immer wieder in Gedanken und Gesprächen eingestreute Vergleiche mit sehr erdlichen Dingen („Wie ein Kamel“). Grundsätzlich finden sich sehr viele kleine und größere Details in der Geschichte, die wir auch aus unserer modernen Welt kennen: Krankenhäuser und medizinische Versorgung, die Art der Kleidung, Flora und Fauna.
Worldbuilding
Kaum etwas ist für Fantasy-Literatur so elementär wie ein gutes Worldbuilding. Auch hier gelingt es, wie zuvor beschrieben, mich behutsam zu führen und zugleich (mehrfach) ins kalte Wasser zu werfen. Dieser Stil macht „Von Narren und Nachtfaltern“ zur idealen Lektüre für Fantasy-Erstline. Es gibt alle typischen Elemente von Fantasy-Literatur: Welt(en), Völker, Namen, Sprachen, Kulturen. Doch erstmal ist das gar nicht so wichtig und wird erst genau dann ausführlicher erklärt, wenn und wie es relevant ist (und die Autorin uns wissen lassen möchte).
Musik
Linda M. Shey empfiehlt zu jedem der (sehr) kurzen Kapitel ein Musikstück, das die Stimmung widerspiegeln soll. Das hat VNuN nicht im Geringsten nötig und ist zugleich einzigartig, immersiv, herausragend. Einziges (kleines, aber unvermeidbares) Manko: Die Musikstücke können sich naturgemäß nicht nach dem Lesetempo richten, wodurch manche zu kurz oder zu lang sind. Nichts, was sich nicht sehr leicht lösen ließe: Einfach auf Repeat hören oder die Ereignisse aus dem Kapitel in Gedanken Revue passieren lassen, bis das nächste Stück beginnt.
Optik
Ja, ich weiß, nie ein Buch nach seinem Cover bewerten. Aber wenn ich es hier täte, müsste es ein Volltreffer werden. Und das Buch hält, was das Cover verspricht. Schon die Gestaltung und der Druck des Covers lassen in die Welt eintauchen, als die sich Hiraeth später herausstellt. Bei der Geschenkausgabe setzt die passende Färbung des Seitenrands sogar noch einen drauf und das Buch sieht auch aus wie der Schatz, der es ist.
Wichtige Elemente der Story, wie der Inhalt eines Buchs oder lyrische Zeilen, sind gestalterisch und durch das Schriftbild hervorgehoben, was das Lese-Erlebnis noch immersiver macht.
Fazit
„Von Narren und Nachtfaltern“ ist das ideale Einstiegswerk in Fantasy und zugleich das Beste, was ich in deutschsprachiger Fantasyliteratur seit langer Zeit gelesen habe.
Fans von Pratchett, Hohlbein, Sanderson werden in den Hiraeth-Chroniken mindestens einen kurzweiligen Zeitvertreib für zwischendurch finden; vielleicht auch in der von Linda M. Shey geschaffenen Welt ein neues Zuhause.

Meine Lieblings-Inhalte gibt es unter dem Bild (ACHTUNG, SPOILER-ALARM!)

ACHTUNG, SPOILER AB HIER (klicken zum Anzeigen)
Lieblings-
Zitate:
„Für alle, die um ihr Zuhause kämpfen müssen“
„Elaes Anisma – Diese Schuld kann ich nur mit meinem Leben begleichen.“
„Liebe wird nicht an Zeit gemessen, sondern daran, wie wahrhaftig sie ist.“
„Musal, elar marôn! – Mein Herz, auf Wiedersehen!“
Orte:
Martagon, Athanasía,
weil sie einfach schöne Namen haben
Hiraeth,
weil sie mir ein neues Zuhause gibt
Tulophidel,
weil es so verspielt war und so verträumt ist, wie es klingt. Ein (in einer anderen Zeit) malerisches Örtchen, das nichts für die Ereignisse kann, von denen es eingeholt wird.
Darilath,
das in mir Fern- und Heimweh zugleich auslöst, mir gleichzeitig entfernt und nah, fremd und vertraut vorkommt.
Elypsa,
das perfekte dauerhafte vorübergehende Zuhause. Für alle, die um ihr Zuhause kämpfen müssen.
Ereignisse:
Der Spaziergang durch Tulophidel auf dem Weg zur Nachtschicht
Die erste Begegnung und Heilung am See
Das Verhör in Athanasía
Die Begrüßung Ramis und Karuls bei der Rückkehr nach Elypsa
Der Ausflug zur Oase
Die Trauerfeier
Die Annäherung der Nachtfalter vor dem Aufbruch zum See
Charaktere:
Alizar,
die mich an eine Freundin erinnert, die oft viel zu viel darüber nachdenkt, ob und wie sie der Welt und den Menschen gerecht werden und möglichst viel Leid (der anderen) auf ihren Schultern tragen kann, ohne dabei selbst ihren Platz, ihre Sorgen, ihre Bedürfnisse und die Berechtigung all essen in ebendieser Welt zu sehen.
Lyria,
die offenherzige, fröhliche Freundin mit der Gabe, Dinge und Orte zu zeigen, die für unser körperliches Auge verborgen bleiben und die Emotionen, gute wie schlechte, ganz und gar mit uns zu teilen.
Jezael,
der zurückgezogene, mürrische Prinz, dessen Pflichtgefühl gegenüber seinem eigenen Volk ihn ständig an der Grenze zu selbstloser, großartiger Führung und folgenschwerer Überforderung wandeln lässt.
Kommandant Perrick,
der seiner bedingungslosen Überzeugung erbarmungslose Taten folgen lässt, bei denen er auch vor eigenen Fehlern und deren Konsequenzen nicht zurückschreckt. Ein vermeintlich kleines Rädchen mit vermeintlich großem Einfluss auf das Gefüge des Weltgeschehens, wessen er sich bewusst ist und diese Rolle loyal und ambinitioniert ausfüllt. Ein Antagonist, wie er (wortwörtlich) im Buche steht.
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