Diese Rezension ist eine ganz besondere. Als mich Gipfelbasilisk fragte, ob die Anthologie rezensieren möchte, zögerte ich keine Sekunde. Lesen wollte ich sie ja sowieso. Ich weiß um die Bedeutung dieses Buches für alle, die daran mitgewirkt haben. Als ich es das erste Mal in den Händen halte, habe ich das Gefühl, einen Schatz zu empfangen. Das hat zugegebenermaßen auch optische Gründe: Wenn eins bei der Zusammenarbeit von Carolin Summer und Gipfelbasilisk nicht überraschen sollte, dann das ein optisch wunderschönes Buch entsteht. „Was passiert danach? Dualität“ begleitet mich durch den verregneten Sommer 2025 und ich verbinde nun verschiedene Orte, Erlebnisse und Emotionen mit verschiedenen Geschichten daraus.
Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb habe ich echt Schwierigkeiten mit dieser Rezension. Nicht, weil mir das Buch nicht gefallen hätte oder ich gar die Idee dahinter nicht gut fänd. Ganz im Gegenteil. Aber es ist schlicht etwas anderes, über eine Anthologie zu schreiben als über eine zusammenhängende Geschichte. Wer es ein bisschen verfolgt hat weiß, meine jüngsten Rezensionen waren sogar ausschließlich über Fantasyliteratur, genauer gesagt Fantasy-Romane. Eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten, die erst auf den zweiten (oder vielleicht sogar dritten) Blick etwas miteinander zu tun haben, ist da schon etwas ganz anderes.
Aber hier wird es dann auch besonders passend. Schließlich ist genau das der Hintergedanke von „Was passiert danach? Dualität“ – Zusammenhänge neu denken, Stile neu erfinden, sich selbst herausfordern und neue Fähigkeiten entdecken. Warum also nicht auch bei der Rezension? Here we go!
Konzeption
Was für eine geniale Idee: Ein Autor liefert mehrere Schreibprompts, um anderen Autor:innen neue Denkanstöße zu geben sollen, liest die Ergebnisse vor und lässt das Publikum entscheiden, welche entstandenen Geschichten die besten sind. Daraus entsteht am Ende (nach monatelanger Arbeit) mehr als nur ein Buch. Zu jedem der Themen gibt es mehrere mögliche Vorlagen, von denen (meistens) nur eine für die jeweilige Geschichte ausgewählt wurde. Spätestens ab der zweiten Geschichte bin ich neugierig, welche Vorlage genutzt wurde und rate (hoffe sogar) bevor ich in die Story eintauche.
Auch wenn die letztendlich ausgewählten Geschichten durch Publikumsentscheid in die Sammlung gelangten, sind sie alle durch eine konzeptionelle Linie verbunden, die sich vielleicht nicht auf den ersten Blick offenbart, aber zumindest immer spürbar ist. Hier zeigt sich die unverkennbare Handschrift von Gipfelbasilisk, die ich bereits aus seinen Myzelchroniken kenne und schätze und hier deutlich erkenne. Alle Beiträge kreisen um Momente der Veränderung und fordern nicht nur die Autor:innen, sondern auch die Lesenden heraus, sich Neuem, Unerwartetem zu stellen. Wiederkehrende Symbole wie Mauern, Grenzen, Schwellen und nicht zuletzt in seinem eigenen Beitrag ein Schlüssel verstärken den Eindruck eines zusammengehörenden Ganzen, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Geschichten zu schmälern.
Optik
Simplizität und Detailtreue schließen sich nicht aus, wie das Cover eindeutig zeigt. Schon das Bild vereint so viele wichtige Elemente, dass es eine eigene Rezension verdient hätte: Tod/Lebendigkeit, Vergänglichkeit/Neuanfang und ein aufgeschlagenes Buch, das eben all das enthält. Mit anderen Worten: Schon das Coverbild sagt aus, was mich beim Lesen erwartet. Auch innen finden sich viele Illustrationen: Symbole zu jeder Geschichte bzw. jedem Thema, eine Schreibfeder, als roter Faden vom Einband bis zum Innenteil und eine Struktur, die enorm zum Verständnis des Konzepts beiträgt. Dass am Ende alle Beteiligten noch einmal auf liebevoll gestalteten Einzelseiten inklusive Bildern vorgestellt werden, rundet die Anthologie auch optisch ab.
Vielfalt & Stilistik
Die Sammlung deckt ein breites stilistisches und inhaltliches Spektrum ab. Genregrenzen werden fließend überschritten, was die Lektüre abwechslungsreich hält und zugleich echt eine Herausforderung ist, wenn ich mehr als nur eine einzelne Geschichte am Stück lesen möchte. Die eindeutige thematische Klammer umfasst die Vielfalt der Genres und Stile, sodass ich oft sofort wissen will, wie es weitergeht, obwohl klar ist, dass nun eine völlig andere Geschichte in einem völlig anderen Stil folgen könnte – und meistens auch wird.
Storybuilding
Die handwerkliche Qualität ist insgesamt auf beeindruckend hohem Niveau. Ich liebe, wie überraschend viele der Geschichten die thematische Vorgabe nicht nur bedienen, sondern auf unerwartete Weise interpretieren. Immer wieder halte ich inne, lächle, grüble und verarbeite das Gelesene. Manche kürzere Texte wirken wie pointierte Gedankenblitze, die tief ins Mark gehen, andere entfalten über mehrere Seiten hinweg eine dichte Atmosphäre, aus der ich gar nicht auftauchen möchte. Keine einzige Geschichte, egal wie kurz, bleibt so sehr an der Oberfläche, dass ich über sie hinweglesen könnte, ohne berührt zu werden.
Charakterbuilding
Trotz der begrenzten Länge der Texte gelingt es den Autor:innen, prägnante, glaubwürdige Figuren zu zeichnen. Einige Charaktere bleiben bewusst skizzenhaft, was in den philosophischeren der Geschichten gut funktioniert, mich manchmal aber (vermutlich beabsichtigt) etwas frustriert zurücklässt, weil ich gern mehr erfahren würde. Manche Geschichten sind trotz stets offener (oder zumindest halboffener) Enden so in sich geschlossen, dass ich meinen Frieden mit der Unwissenheit ihrer Figuren machen und zufrieden und neugierig zur nächsten Geschichte übergehen kann.
Fazit
Eine vielschichtige, sorgfältig kuratierte Anthologie, in der ein (zumindest theoretisch) zufällig zusammengewürfeltes Kollektiv aus Autor:innen Gegensätze nicht als starre Pole, sondern als dialogische Kräfte inszeniert. Sie macht nachdenklich, überrascht immer wieder ohne Überraschungen erwartbar zu machen und hallt nach. Gipfelbasilisk schafft (vermutlich schon durch die Auswahl der Aufgaben), die Voraussetzungen für eine gefühlte Dramaturgie, die von leisen, nachdenklichen bis hin zu intensiven, experimentellen Beiträgen reicht. Die stilistische und inhaltliche Bandbreite ist manchmal atemberaubend, doch wird durch die klare Führung zu einer Sinfonie mit vielstimmiger Harmonie.
Ich brauche etwas, um reinzufinden, dann überlege ich mehrfach beim Lesen, wem ich dieses Buch alles schenken möchte, weil sie es unbedingt lesen müssen. Wenn du Genrevielfalt liebst, Gedanken gern selbst weiterspinnst und vor anspruchsvoller Stilistik genauso wenig zurückschreckst wie vor herausfordernden Gedankenanregungen, ist diese Anthologie auch für dich ein Muss.

Meine Lieblings-Inhalte gibt es unter dem Bild (ACHTUNG, SPOILER-ALARM!)

ACHTUNG, SPOILER AB HIER (klicken zum Anzeigen)
Lieblings-
Geschichten:
Never Lost (Stef Helmel)
Don’t Mind Me (Stef Helmel)
Wenn ich die Sterne sehe (Inge SaintLaurent)
Zwölf Jahre (beschaulich)
Zitate:
„Etwas Neues.”
Asteria Rabenfeder
„In meinem ganzen Leben habe ich festgestellt, dass Ängste erst verschwinden, wenn wir uns ihnen stellen.”
„Dankbar. Ein unbekanntes Gefühl und doch … doch hoffe ich, dass es bleibt.(…) Dankbar. Frei zu sein. Von dir.”
„Wir hatten die Zeit gestohlen und mussten jetzt dafür büßen.“
„… Bediensteter zweier Katzen.“
Orte:
Tintenfleck,
ein Café zum Genießen, Stöbern, Lesen und Schreiben
(Etwas Neues, Asteria Rabenfeder)
O’Neiros,
die Stadt der Träume, in der alle ihre Wünsche und Hoffnungen leben.
(Die Stadt der Träume, Christina Brühl)
Die Universität,
in der eine Verkettung unvorhergesehener Ereignisse den gesamten Mikrokosmos verändert.
(Don’t Mind Me, Stef Helmel)
Charaktere:
Veronika,
trans Frau, die ihre Zweifel und Ängste überwindet, um mehr als nur schlechte Gefühle aus der Schulzeit hinter sich zu lassen.
(Never Lost, Stef Helmel)
Kaitlyn,
Karls Alter Ego aus O’Neiros, der Stadt der Träume.
(Die Stadt der Träume, Christina Brühl)
Otto,
dessen Bekanntschaft Emmas Reise auf dem letzten Abschnitt entscheidend verändert.
(Was die Angst dich finden lässt, Palandurwen)
Harold “Harry” Upperton,
der Dekan für Pseudowissenschaften, der das Gedankenlesen an der Uni etablieren möchte.
(Don’t mind me, Stef Helmel)
Eve,
die Diebin aus dem Paradies, aus dem sie gegen Widerstände von Menschen, Geistern und Zauberei zu entkommen versucht.
(Dystopia Phantastica, Katharina Jörn)
Marius,
der Schreinermeister, der sich gegen die Gepflogenheiten seiner Zeit entscheidet, um Glück und einen Gefährten fürs Leben zu finden.
(Des Schreiners Lehre, J. Gipfelbasilisk)
Besonderheiten:
Die nach Geschichten sortierten Hinweise auf die Inhalte (Content Notes) am Ende des Buches. Bei diesem Herausgeber selbstverständlich, aber dadurch nicht minder erwähnenswert.

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